Yoga – Unterweisungen in Freiheit?

Yoga – Unterweisungen in Freiheit?

Dieser Text antwortet einer Situation, die sich dadurch auszeichnet, YogalehrerInnen in ihren dunklen Seiten, ihrem Streben nach Macht und ihrer Gier nach dem Besitz anderer Menschen, sichtbar werden zu lassen.

Aus Meditationsgemeinschaften, yoga communities, sowie vielen anderen Lebensbereichen mehren sich die Berichte von Frauen, die sexuell missbraucht wurden. Im Ashtanga Yoga liegen Vorwürfe gegen Patthabi Jois vor, der als Begründer dieser Richtung gilt und 2009 gestorben ist. Um es verkürzt zusammenzufassen, der Vorwurf ist, dass körperliche Hilfestellungen ausgeführt wurden, die den zulässigen Rahmen der Professionalität überschritten haben. Diese Hilfestellungen sind öffentlich, im Unterricht, im Beisein anderer SchülerInnen passiert.

Patthabis Jois, ist nach wie vor ein bewunderter und geliebter Lehrer, sowie nun auch ein kontroversiell diskutierter.

Unser Anliegen ist es nicht über die Tatbestände zu entscheiden, da die Rede von einer Zeit ist in der wir noch Kinder waren und unser Yoga im Betrachten von Spielsachen praktizierten.

Unser Anliegen ist es die Frage zu beantworten warum wir dennoch unsere Art Yoga zu üben lieben und was wir zu tun gedenken, um als LehrerInnen unsere SchülerInnen in ihrem Dasein ernst zu nehmen, um sie nicht mit Übergriffigkeit zu konfrontieren.

Ashtanga Yoga zeichnet es aus eine fixierte Übungssequenz anzubieten. Diese Abfolge macht es möglich selbstständig und im eigenen Tempo zu üben, sowie die Gewissheit zu haben, dass viele Leute bereits durch diese Abfolge gegangen sind, ihren Körper auf diese Art geübt haben. Die Ashtanga Serie erlaubt es in dem Sinn so unabhängig wie möglich von einer/m LehrerIn zu sein. Ein Herrschaftsinstrument wird die Serie, wenn Abwandlungen, Versuche und Experimente nicht mehr erlaubt sind. Ashtanga, wie wir es üben und verstehen wollen, bietet die Serie an, als Ausgangspunkt, als eine allgemeine Methode, die ein Einsteigen ins Yogaüben erlaubt und nach einiger Zeit befreit, für eine Praxis, die aus dem eigenen Bewegungsgefühl kommen kann.

Wir wollen auch die Karte nicht mit dem Territorium verwechseln. Es steht also nicht eine Ideologie im Vordergrund, sondern die übende Person mit individueller Vorgeschichte und Bedingungen, der aktuelle Moment des Übens. Die Methode ist nur ein Wegweiser, eine Karte, die Landschaft will durch uns selbst in unserem Inneren entdeckt werden. Yoga ist damit kein sich-hinein-Gießen in Positionen, sondern aus dem eigenen BewegungsGefühl, -Programm, -Schema sollen Manifestationen entstehen, geatmete Stabilitäten, die nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach dem Wohlbefinden, das sie bringen, beurteilt werden.

Unser Richtwert für eine »gute« Yogapraxis ist der Spaß oder die Freude, die wir am Üben haben wollen, immerhin kehren wir sechs Mal die Woche auf die Matte zurück, und wollen das nicht aus dem Prinzip der Qual heraus tun, life is short, wir wollen keine Zeit verlieren durch die Peinigung anderer oder von uns selbst.

Als LehrerInnen versuchen wir, die Situation, die wir in unserem Unterricht erschaffen nie als funktionierend oder optimal zu verstehen. Wir sind bemüht um Offenheit und ein gutes Gesprächsklima, wir sind bemüht uns gegenseitig täglich neu und unbelastet zu sehen – wir wissen mit Sicherheit, dass diese Vorsätze nicht immer Wirklichkeit werden.

Als LehrerInnen sind wir auf unsere SchülerInnen angewiesen, die nicht unterwürfig sind, die ihren eigenen Weg gehen wollen, die vorbeikommen um in uns GesprächspartnerInnen zu finden.

Beim Yogaüben werden körperliche, mentale und emotionale Grenzen bemerkbar und wir spüren unsere Verletzlichkeit. Das macht die Praxis und auch den Unterricht zu einer sehr intimen Angelegenheit.  Yoga lehrt uns eine achtsame und behutsame Annäherung an diese Grenzen, ist ehrliche und offene Begegnung mit uns selbst. Als LehrerInnen wollen wir Möglichkeiten und Wege zeigen – niemals aber die Grenzen der SchülerInnen überschreiten. Wir unterrichten auch gerne mit den Händen, denn Berührungen in Form von „Adjustments“ und Korrekturen sind unglaublich hilfreich im Unterricht – wenn sie mit einer respektvollen inneren Ausrichtung ausgeführt werden und das Feedback der SchülerInnen gehört wird.

Die Arbeit die Yoga und wir als LehrerInnen nun leisten müssen, ist die bedingungslose Aufgabe von Idealen, wie dem des Lehrers oder Gurus, sowie von Vorstellungen von der richtigen Position … Kurz gesagt, wir müssen bereit sein alle Mittel, die es erlauben eine Autoritätsperson im Unterricht zu sein, aufzugeben, um neue Arten der Begegnung zu probieren.

Im Yoga steht uns eine spannende Zeit bevor, eine neue Form von Selbstpraxis kann sich entwickeln, wir freuen uns Teil dieser Zukunft zu sein.

Die Selbstpraxis soll dazu führen, dass man sich aller schlechten Gewohnheiten, aller falschen Ansichten, die man von der Menge, von schlechten Lehrmeistern, aber auch von den Eltern und der engeren Umgebung übernehmen kann, entledigt.“ (Michel Foucault)

Flo & Denise