In vier Teilen mit Gandhi durch die Gita

Von Florentina Hausknotz

„Every scripture has two sides, one temporary and perishable, belonging to the ideas of the people of the period and the country in which it is produced, and the other eternal and imperishable, and applicable to all ages and countries.”[i]

[i] (Radhakrishnan, 2014, S. vii)

Jede Schrift, so lässt uns Radhakrishnan wissen, trägt zwei Dimensionen in sich. Sie hat Bedeutung für die Menschen, die sie zum Zeitpunkt ihres Entstehens begleiten, sowie über diesen Moment hinaus. Gute Literatur sozusagen trägt die Kraft in sich neben einer vermeintlich ursprünglichen Bedeutung, in jeder Zeit und an unterschiedlichen Orten Wahrheiten zu den Menschen zu bringen. Diesen Mehrwert alter Texte bekommen wir jedoch nicht, wenn wir von fixierten Bedeutungen, einer Suche nach der richtigen Aussage, ausgehen. Texte sprechen zu uns, wenn wir sie als beweglich anschauen, ihnen die Frage stellen, was das Geschriebene mit unserer momentanen Lebenssituation zu tun hat.

Wir machen uns in diesem Sinn auf die Suche nach der Gita. Wir fragen: Was ist die Gita?

„Taught by the blessed Narayana Himself to Arjuna, compiled by Vyasa, the ancient seer, in the middle of the Mahabharata, I meditate on Thee, O Mother, O Bhagavadgita, the blessed, of eighteen chapters, the bestower of the nectar of non-dualistic wisdom, the destroyer of rebirth.”[i]

[i] (Radhakrishnan, 2014)

Die Gita wird als das Buch der gelobten 18 Kapitel bezeichnet, die nicht weniger versprechen als den Nektar (Trank der Unsterblichkeit) in sich zu halten, das Wissen von der Nicht-Dualität und dem Überwinden der wiederkehrenden Geburten. Kurz, der fleißigen Schüler- und Leser*in wird nichts weniger versprochen als die Erlösung. Leicht erkennbar ist aus diesen Zeilen, dass die Gita weniger eine philosophische Abhandlung ist als eine religiöse Schrift. Sie gilt keinem esoterischen Kreis, sondern soll jedermann*frau unterstützen. Sie hilft allen, die Gott suchen. Die Gita ist damit keine Schrift, die am Schreibtisch von einer Person verfasst wurde, sondern stammt aus der Erfahrung des religiösen Lebens, des Sehens und nicht Wissens der Wahrheit, an deren heilende Kraft geglaubt wird. Damit sind wir an einem Knackpunkt angekommen. Die Gita zeigt sich als der Glaube an die Wahrheit, als Glaube daran, dass die Wahrheit zu erkennen, den Nektar, das Ende der Wiedergeburten bringt. Die Gita zeigt damit eine Religion, die die Wahrheit als ihr höchstes Gut verehrt, wenn man so will als ihren Gott. Sie kann in diesem Sinn für jede Form des Glaubens und der Wahrheitssuche als Dokument gelten. Die Gita ist Metaphysik (bramavidya) und Ethik (yogasastra) zugleich.

Unser Begleiter und gleichzeitig einer der wichtigsten Kommentatoren – in Text und Lebenswandel – ist Mahatma Gandhi. Er beschreibt sich selbst als einen, der das Interesse an der Gita schon lange in sich getragen hat, allerdings erst zum Zeitpunkt einer seiner Gefängnisaufenthalte wirklich Zeit finden konnte zur Vertiefung dieser Studien. Die Gita sowie das Mahabharata, die größere Erzählung, die die Gita in sich trägt, wählen historische Personen, um Dinge zu beschreiben, die allerdings abseits des Konkreten von Bedeutung sind. Die Gita beschreibt die Geschichte einer Schlacht, einen zweifelnden Feldherrn und Krishna, der ihn zum Denken bringt, jedoch ist das für Gandhi nur Verkleidung. Die Gita thematisiert, den schwierigen Kampf im Inneren, wenn man vor einer scheinbar nicht möglichen Entscheidung steht. In diesem Sinn erhebt Gandhi an sich und die anderen Leser*innen dieses Buches den Anspruch, es nicht nur zu lesen oder zu kommentieren, sondern durch diesen Text Lebenspraxis zu entwickeln.

„Krishna of the Gita is perfection and right knowledge personified; but the picture is imaginary. That does not mean that Krishna, the adored of his people, never lived. But perfection is imagined. The idea of a perfect incarnation is an aftergrowth.”[i]

[i] (Gandhi, 2009, S. xviii)

Krishna? Diese Frage steht am Anfang und am Ende der Gita. Krishna wird viele Namen bekommen und sich in unterschiedlicher Gestalt zeigen. Wir können zu Beginn festhalten, dass er der Wagenlenker des Streitwagens von Arjuna ist. Arjuna möchte sehen wer seine Feinde in der vor ihm liegenden Schlacht sein werden und bittet seinen Lenker ihn an die Mittellinie zwischen den beiden widerstreitenden Gruppen zu bringen. Dort erkennt er, dass es Freunde und Verwandte sind, die er bekämpfen wird, er gerät ins Zweifeln.

Gandhi stellt zwei Aspekte, die er für die zentralen dieser Schrift hält, in den Vordergrund. Erstens, die Gita ist ein Text, der am Weg zur Selbstverwirklichung, zur Erleuchtung unterstützen soll, zweitens kann diese Erleuchtung nur in Demut passieren, in Hingabe an das Umfassende, an Gott? So beschreibt Gandhi die hingebungsvolle Suche:

„A devotee may use, if he likes rosaries, forehead marks, make offerings, but these things are no test of his devotion. He is the devotee who is jealous of none, who is a fount of mercy, who is without egotism, who is selfless, who is ever forgiving, who is always contented, whose resolutions are firm, who has dedicated mind and soul to God, who causes no dread, who is not afraid of others, who is free from exultation, sorrow, and fear, who is pure, who is versed in action and yet remains unaffected by it, who renounces all fruit, good or bad, who treats friend and foe alike, who is untouched by respect or disrespect, who is not puffed up by praise, who does not go under when people speak ill of him, who loves silence and solitude, who has a disciplined reason. Such devotion is inconsistent with the existence at the same time of strong attachments.”[i]

[i] (S. xx)

Zusammenfassend: Hingebung an Gott oder die umfassende Erkenntnis bedeutet Situationen mit ruhigem Geist anzuschauen, zu überlegen welche Handlung man als die Person, die man ist am besten setzen kann, diese Handlung zu tun, ohne sich mit den Früchten zu identifizieren. Gleichzeitig gilt es auch die Menschen alle gleich zu behandeln, womit wir zum zweiten Kapitel der Gita zurückkommen können. Dort beginnt Krishna Arjunas Entscheidung, nicht kämpfen zu können in Frage zu stellen. Krishna lässt das für ihn sentimental erscheinende Argument Arjunas, dass er seine Verwandten nicht töten kann, nicht gelten. Arjuna wird im Vorfeld dieser Geschehnisse als unnachgiebiger Krieger beschrieben, der niemals zögert anzugreifen, er hat folglich kein allgemeines Problem mit dem Töten. Vor diesem Hintergrund führt Krishna ihm vor Augen, dass er, kämpft er nicht, alle Krieger auf seiner Seite und ihre Familien dem Tod übergibt, um seinen persönlichen Gefühlen zu folgen. Sowie Krishna beginnt über Atman zu sprechen und darüber, dass die Körper vergehen, ins Ganze eingehen, um neue Gestalten hervorzubringen. Krishna möchte Arjuna vergegenwärtigen, dass eine falsche Entscheidung, die nicht den allgemeinen Regeln des Nichtanhaftens folgt im Weltzusammenhang schwerer wiegen wird als das Sterben des Körpers. Die allgemeine Regel für Arjuna lautet, wer den Stand des Kriegers vertritt muss kämpfen, oder sich generell für die Gewaltlosigkeit entscheiden. Die Gita nun ist ein altertümliches Buch so Gandhi und sie wird nicht dabei helfen in den Dingen der Gewaltlosigkeit weiterzukommen, ihre Belehrung hilft jedoch sich dem inneren Kampf zu stellen, steht man schwierigen Entscheidungen gegenüber. So kann ihre Denkfigur auf die Gewaltlosigkeit angewandt werden. Es ist einfach die gewaltfreie Haltung aufrecht zu erhalten, wenn man dadurch nichts verliert. Man kann sich an dieser Stelle alle möglichen Situationen vorstellen, in denen Dinge, an denen man hartnäckig gearbeitet hat durch das Zutun anderer nicht die Früchte abwerfen, die man sich erhofft hat. In einer solchen Situation ist es schwierig sich nicht absurden Rachegedanken hinzugeben, sondern einfach in das nächste Projekt zu stürzen, um dieses mit der gleichen Energie erneut voranzutreiben. Nicht anhaften bedeutet damit an dieser Stelle und mit Gandhi in einen Prozess der Erschaffung alle Energie zu investieren, wenn dieses Projekt dann jedoch scheitert, wenn auch ungerechter Weise, so gilt es lediglich zu überlegen, was als nächstes zu tun ist, es geht nicht darum Anerkennung einzufordern oder sich nach den verlorenen Früchten der Arbeit zu sehnen.

In dieser Hinsicht kann die Lehre vom Atman, die in diesem zweiten Kapitel dargelegt wird ganz greifbar besprochen werden. Nicht nur unsere Körper vergehen, sondern auch die Situationen in unserem Leben. Wir können damit vom permanenten Neuanlegen von Hüllen reden, die der Moment sind. Wir arbeiten uns in einer Hülle ab, scheitern, wechseln das Aussehen und beginnen von neuem, sind nicht mehr der gleiche Körper, die gleiche Person…

In diesem Sinne können wir eine sehr weltliche Form von Erleuchtung beschreiben, die Akzeptanz eines Prozesses des permanenten Scheiterns und Neubeginnens. Hingebung an das Leben wäre in diesem Sinn das Aufrechterhalten der Energie, der Versuch immer wieder sein Bestes zu geben, im Bewusstsein niemals den Lohn zu erhalten. Ein wunderschöner Gedanke, der jedoch unserer gegenwärtigen Gesellschaft fast unerreichbar erscheint.

Zurück zur Gita, zwei Sätze sind am Ende des zweiten Kapitels zentral. Erstens, alle Menschen sind gleich zu behandeln, es ist nicht zulässig in den eigenen Aktionen und Handlungen zwischen Verwandten, Freund*innen und Fremden zu unterscheiden. Zweitens das Sichtbare ist Vergänglich, das Ewige ist Atman, das in allem wohnt. Die erste Lehre daraus: Suchende sollen sich nicht von sinnlichen Empfindungen kontrollieren lassen. Die zweite Lehre lautet: Wenn wir den Unterschied zwischen Atman und Welt oder besser gesagt ihre spezielle Verwicklung verstanden haben, dann wird es notwendig unsere Handlungen danach auszurichten. Die daraus folgende Praxis wird Yoga genannt. Was ist Yoga?

We should do no work with attachment. Attachment to good work, is that too wrong? Yes it is. If we are attached to our goal of winning liberty, we shall not hesitate to adopt bad means. If a person is particular that he would give coins to me personally, one day he might even steal them. Hence, we should not be attached even to a good cause. Only then will our means remain pure and our actions, too. (…) Yoga means nothing but skill in work.”[i]

[i] (S. 24-25)

Yoga bedeutet, was man tut so gut wie möglich und ohne Gedanken an Entwicklungen in der Zukunft zu tun. Vor diesem Hintergrund wird es leicht verständlich, wie unsere Yoga-Matte zu unserem Übungsfeld in dieser Angelegenheit werden kann, dort ist dieser Anspruch jedoch viel leichter zu verfolgen als im Alltag, mit dem uns Krishna jedoch an dieser Stelle konfrontiert. Für Arjuna ist der Kampf Alltag, keine spezielle Situation.

Erleuchtung wird damit beschrieben als das völlige nicht-beeindruckt-Sein durch Sinneserfahrung? Ist das möglich? Gandhi führt an dieser Stelle eine zentrale Unterscheidung ein: Nein, als lebender Mensch können wir uns nicht frei machen von den Sinnen, wir können nur an diesem Zustand arbeiten. Wir haben unser Leben lang Zeit uns fit for moksha zu machen, wie Gandhi formuliert. Das Loslösen vom Körper passiert erst mit dem Tod, unser Leben ist damit eine Vorbereitung auf diesen Moment hin. So können wir Michel de Montainge (1580 n. Chr.) aufgreifen mit dem Ausspruch Philosophieren heißt sterben lernen. – Die Philosophie wird damit als ein Projekt verstanden, das uns für diesen letzten Moment der Sinnlichkeit vorbereiten. Philosophie und Yoga sind damit Praxisformen, die uns helfen sollen im Leben und das Leben loszulassen, wenn der Moment gekommen ist. Dieser Grundsatz ist nicht mit einem der Todessehnsucht zu verwechseln, denn bis zu diesem Moment wird uns angeraten die beste Version unserer selbst zu sein, eben das ist die Vorbereitung!

Literaturverzeichnis

Gandhi. (2009). Bhagavad Gita according to Gandhi. Berkeley: North Altantic Books.

Radhakrishnan, S. (2014). The Bhagavadgita. Uttar Pradesh, India: Harper Collins.